Klima-Challenge: Auf Land- und Seeweg nach Mallorca

Landweg_Mallorca_Klima_Challenge

 

Wie lange braucht man wohl ohne Flugzeug nach Mallorca? Welche Verkehrsmittel gibt es als Optionen? Wie schaut da die eigene CO2 Bilanz aus im Vergleich zum Fliegen? Was gibt es zu beachten, wie fühle ich mich auf dem Hin- und dann auf dem Rückweg? Was ist es für eine Erfahrung für mich, nun da meine ausgedehnten lonesome Backpackerzeiten rund 25 Jahre zurück liegen? Das wollte ich doch echt mal wissen und als sich vor rund einem Jahr die Gelegenheit ergab, da packte ich sie beim Klima-Schopfe und probierte es einfach mal selbst aus.

Hier die Kurzfassungsfakten:

Von Konstanz (bzw. Orsingen-Nenzingen) nach Palma de Mallorca (Hin und Rückreise)

Wie ich es umsetzte:

Transport: Bahn, Flixbus, Fähre, lokaler Bus
Reisestationen: Orsingen-Nenzingen, Radolfzell, Konstanz, Zürich, Mailand, Turin, Grenoble,  Montpellier,  Perpignan, Barcelona, Palma de Mallorca, Peguera
Dauer von Tür zu Tür: 46 Stunden
Kosten: Euro 249,–
Erlebnisfaktor: unbezahlbar
CO2 Bilanz: 87,5 kg CO2eq
(Bahn: 3,8 kg CO2eq, Flixbus: 77,6 kg CO2eq, Fähre: 2,8 kg CO2eq, Bus 3,3 kg CO2eq)

 

Wie man es auch hätte machen können:

Transport: Flughafenshuttle nach Zürich, Flugzeug, Ortsbus
Reisestationen: Orsingen-Nenzingen,  Zürich,  Palma de Mallorca, Peguera
Dauer von Tür zu Tür: 7,5 Stunden
Kosten (Hin und Rückreise): Euro 189,–
Erlebnisfaktor: die Flugscham fliegt halt mit
CO2 Bilanz: 380,5 kg CO2eq
(Shuttle: 7,2 kg CO2eq, Flug: 370 kg CO2eq, Bus 3,3 kg CO2eq)

 

Das heißt also, dass ich mit dem Faktor 1:4,3 bei den CO2 Emissionen bei Land-Seeweg im Vergleich zum Fliegen unterwegs war. Gefühlt hätte ich da ehrlich eine noch größere Differenz geschätzt; das Bauchgefühl hingegen ist bei ca. 1:20. Das Bemerkenswerte daran ist, das Fliegen weniger kostet, wesentlich schneller (und unbestreitbar bequemer) ist und dennoch die Umwelt um das 4,3-fache belastet. Also ist das ein Reisen zum Wohle des Gastes und auf kosten der Umwelt. Ist jetzt zwar nix weltneues, aber halt dann doch schon, wenn man’s mal für sich selbst so handfest durchrechnet.

Die CO2 Bilanzierungen habe ich mit Hilfe der Rechner auf myclimate.org, atmosfair.de und P&O Ferrymaster errechnet. Ich weise darauf hin, dass die Emissionen einer Schifffahrt bzw. einer Flugreise immer vom tatsächlichen Maschinentyp (Stand der Technik), Treibstoff, Auslastung, ja sogar der Wetterlage abhängig sind. Gewisse Faktoren sind somit leicht differenziert zu sehen, die Botschaft sicher nicht.

 

Co2 Bilanz Verkehrsmittel

 

Und hier nun die Langfassung zur Challenge:

Und das kam so: Was soll man als Ehemann und Papa machen, wenn die Familie von Schwieger-Oma und -Opa nach Mallorca eingeladen wird und man selbst aber ein eidesstattliches Bekenntnis abgelegt hat, nicht mehr fliegen zu wollen? Bringe ich die wertvolle und knappe gemeinsame Urlaubszeit getrennt voneinander zu? Setze ich Haus- und Hof-Frieden aufs Spiel und diskutiere mich aus der Sache raus in Argumentationsketten mit der Ehefrau und Heulanfällen von Tochter und Sohn? Mache ich eine von diesen berühmten „Ausnahmen“ und setzt mich doch in eine CO2 Schleuder? kann man ja alles so schön unkompliziert kompensieren.

Oder: Schmiede ich einen konspirativen Geheimplan und gebe vor, dass ich zu Hause bleibe und Durcharbeite, während die anderen am Strand liegen weil mir mein Gewissen mehr als meine Familie wert ist und plane aber indessen subversiv, wie ich ohne Metallflügel den Weg von 1.500 Kilometer zurücklegen will? Jepp, letzteres ist doch zu reizvoll und gewinnt und will sogleich in die Tat umgesetzt werden.

Und das Ganze dann unter der sich selber gestellten Challenge, 1. wie lange es dauert, 2. wie viel es mich kostet und 3. wie viel CO2 ich dafür aufwenden werde im Vergleich zum Fliegen.

Phase 01 Recherche: Wie kommt man da überhaupt hin mobilitäts-alternativ? Gibt es dazu vorgefertigte Reiserouten, Vorschläge, Reisepakete, oder dergleichen? Fehlanzeige. Kein bisschen. Also los mit dem eigenen Zusammenstellen von Optionen.

Derer da u.a. sind:

1. Laufen: scheidet von vorn herein aus. Eine Jahrespilgerreise mach ich dann ein ander mal.

2. Fahrrad: Lieber auch nicht. Ich hab eine Tour nur von München an den Bodensee immer noch „einzigartig“ in Erinnerung. Und damals hatte ich noch Kondition und 20 Kilo weniger.

3. Mit dem Auto: Eigenes Auto scheidet aus. Das fühlt sich nicht wirklich gut an, diese Distanz mit dem Auto individuell in Angriff zu nehmen. Und 12 Stunden reine Fahrt hab ich auch keinen Bock am Steuer (ohne zzgl. Pausen, Koffeininfusionen, Verfahren und spontane Staukollapse unterwegs). Mitfahrgelegenheiten wie Blabla car auf diese Distanz hin finde ich schon mal gar keine (komisch, dachte eigentlich, dass mehrmals täglich von Orsingen-Nenzingen Leute direkt nach Malle fahren). Trampen? Hm, das klappte vor 25 Jahren noch ganz gut – ist aber bei der Distanz und meinem Alter mittlerweile nicht mehr ganz so geschmeidig und könnte evtl. etwas länger dauern als gedacht. Mein Leut’ sind schließlich nicht einen Monat da unten.

4. Mit dem Zug: Hört sich zunächst gut an und wird auch gleich tiefergehend verfolgt. Meine Vorstellung: hier in den Zug rein. Schlafwagenabteil und ganz gechillt in Malle wieder aussteigen. (Entweder über die Brücke oder durch den Mittelmeertunnel durch, oder so ähnlich…). Hm, Schafwagen scheinen nicht grad eine zunehmende Mobilitäts-Gattung zu sein entdecke ich – egal in welchem Land. Zudem ist da ja irgendwie das Meer noch dazwischen und egal was ich versuche raus zu bekommen von hin es geht, es sind immer „unbekannte Auslandstarife“ laut Deutscher Bahn Webseite. Aber: es gibt schon mal Erkenntnisse, das man über klangvolle Hafenstätte wie Toulon oder Marseille (Frankreich), oder Genua oder Valencia (Italien) mit der Fähre weiter kommen könnte. Oder: Über Barcelona. Ha, das ist doch mal ne Info, die aufhorchen lässt. War noch nie in dieser Stadt und so ein kleiner Stop Over dort wär doch ‘ne feine Sache. Diese feine Sache hat über die Schweizer Bahn dann den charmanten Preis ab 569,– Schweizer Fränklis und reiht sich umgehend hinten an in den Optionen. Dann also weiter im Text mit der nächsten Option.

5. Mit dem Bus: Da gibt es doch sicher ein reichhaltiges Busnetz durch Europa, mit dem man lustig schunkelnd da runter kommen sollte. Touringbus, Eurolines und andere Anbieter scheiden aus, da es dann doch eher Nebensaison ist (meine Reise fand im November 2018 statt). Also ab zum Branchenprimus Flixbus. Da gibt es dann auch, das was ich suche und dazu noch ne gschmeidige Fähre von Barcelona nach Palma de Mallorca. Sollte also alles klappen soweit. Los geht’s.

 

Landweg_Mallorca_Reise_Verkehrsmittel

Hier nun der Reisebericht dazu:
Wie gesagt die Familie im Glauben gelassen, dass ich zu Hause bleibe und es viel zu Tun gibt in der Agentur. Für meine Leut’ noch schnell ein Tesla Taxi nach Zürich organisiert (https://e-port-haberbosch.ch/e-port/), dass sie zum Flughafen kommen und ich aber nicht mehr in das Auto passe vom Platz her. Schade Schade. Hat aber den Hintergrund, dass just als der Stromer vom Hof surrt und ich mich eben noch Taschentuch winkend und Tränen verdrückend im Rückspiel befinde, ich mich auch schon flux umdrehe und die Treppe im Haus hoch renne und alles zusammenpacke, was ich so zu brauchen meine für die Expeditionsfahrt (to boldly go where no one has gone before und so), da ich ja die Tage davor nix vorbereiten konnte, um nicht auf zu fallen. Die ganzen Buchungen habe ich in alter James Bond Manier übers Firmenkonto gebucht, da es auf dem Privatkonto evtl. Erklärungsbedarf gegeben hätte dazu und die ganze Sache aufgeflogen wäre. Die Agenturmitrabeitenden sind MittäterInnenhaft gebrieft und stehen da voll dahinter.

 

Mallorca_Landweg_Tesla

 

Sa. 27.10.2018

10 Uhr Abfahrt Nenzingen:
Und zack, eine Stunde später bin ich im Seehäsle (der Hohenzollerschen Regionalbahn) von Nenzingen nach Radolfzell und von dort mit dem Seehas (Schweizer Bodensee-Bahn) nach Konstanz gegondelt.

 

Mallorca_Landweg_Reisebericht

 

13:10 Uhr Abfahrt Flixbus Konstanz:
Also los geht’s aus Konstanz nach… äh doch nicht. Erst mal spontane Zollkontrolle, da wir ja gelich die EU Außengrenze passieren würden und der Deutsche Zoll eine ihrer beliebten Auszubildenden-Trainingseinheiten in unserem Bus durchführt. Aber keine Terroristen und Käseschmuggler gefunden, so kann es dann nach 40 minuten doch los gehen. Über Zürich geht dann es mit der grünen Eierschaukel nach Mailand. Ankunft 18:30 Uhr im stilvollen Busbahnhof Lampugnano im gefühlten Spanish Harlem von Mailand. Import-Export-Meile vom feinsten…

 

Mallorca_Landweg_Reisebericht

20 Uhr Abfahrt von Mailand
Meine Vorstellung: In Mailand einsteigen, sanft einschlafen und tiefenentspannt am nächsten Morgen in Barcelona aufwachen und den Tag dort genießen. Die Realität: 22 Uhr Erster Stop Turin, LAUTsprecherdurchsage, alle Lichter an, Leute rein und raus, Aufwachen, wieder einschlafen. Irgendwann in der Nacht Italienisch-Französische Grenze, alle Lichter an, Zollbeamte rein, vier Menschen ohne gültige Transferpapiere nach langen Verhandlungen mit raus, wir wieder weiter. Das lustige Licht-An-Aus-Spiel dann um 1:30 Uhr in Grenoble, um 4 Uhr in Montpellier, um 5 Uhr in Perpignan dann Spanische Grenze, diesmal nur so der Zoll rein raus zum Hallo sagen und durch zählen und schon ist Sonnenaufgang und das Gefühl eine Nacht in Guantanamo verbracht zu haben ist nicht mehr so fremd.

 

mallorca-Landweg_Reisebericht

 

So. 28.10.2018

8:30 Uhr Ankunft Barcelona
Eine wundervoll verregnete Stadt erwartet den leicht augenberingten Businsassen. Macht aber nix, denn ich war noch nie hier und will so viel wie möglich sehen in den 14,5 Stunden Aufenthalt hier, bevor meine Fähre ablegt. Also den Rucksack ins Schließfach am Busbahnhof Nord und los geht’s. Ist ja schließlich Nebensaion und da ist Barcelona ein Geheimtipp. Denkst de! An der Sagra Familia könnte ich für den nächsten tag Nachmittags Tickets bekommen und an den anderen gaudi’ischen Sehenswürdigkeiten schaut es ähnlich aus. Wie auch immer, trotzdem tolle Stadt und trotzdem viel Fotos gemacht. Und nach dem ganzen Tag rum laufen, tun nun auch die Füße anständig weh, nachdem es bisher nur das Kreuz war vom Krummen sich in den Bussitz neben die Nachbarn links und recht zwängen und Schlafen wollen Haltung einnehmen.

 

Mallorca_Landweg_Reisebericht

 

23 Uhr Abfahrt Fähre nach Palma
Hier auf der Fähre, das wird nun eine ruhige und bequeme Nacht. Hab zwar aus Sparmaßnahmen keine Kabine genommen, aber so ein Schlafsitz an Bord sollte ja auch was können oder? Nun ja, er kann immerhin in einem Raum sein, wo auch 80 andere Menschen sind und wo – ganz wie in einem Flugzeug – die Sitze in 2er und 3er Kolonnen nebeneinander und hintereinander sind lustige Großflachbildschirme spanische Soapfilme auf einen Niederflimmern lassen alle paar Reihen. Immerhin ohne Ton, den holt man sich über Kopfhörer. Diese Bildschirme gehen bestimmt irgendwann mal aus, oder? Oder? Immerhin bin ich nicht ganz so oft aufgewacht wie letzte Nacht, aber 80 Menschen in einem Raum mit Schnarchen, quietschenden Ledersitzen, Kinderstimmen und Klogängern, das hatte dann schon was von einer Neuauflage der letzten Folternacht. Kurze Zeit halluziniere ich eine gut aussehende Stewardess, die mir in der Business Class ein weiteres Glas Bloody Mary kredenzt, aber dann verwandelt sie sich in die Spanische Wrestler-Großmutter, die sich im Halbdunkel des Massenlagers nur in der Sitz- bzw. Schlafreihe geirrt hat. Nun gut.

 

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Mo. 29.10.2018

7:30 Uhr Ankunft Palma
Keiner hat behauptet, dass es einfach ist, die Welt zu retten, aber so… Per Transferbus spuckt uns die Fähre ans Eiland. Natürlich als letztes, nachdem alle Autos erst von Bord gelassen wurden und wir zusammen mit den ganzen sonstigen Kabinen- und Schlafsaal eine knappe Stunde in den Gängen der Schiffseingeweide rumgestanden sind. Tut nun alles recht gleichmäßig weh, was es wieder erträglicher macht irgendwie, wenn der Schmerz so undefinierbar ist.

Am Hafen dann die Erkenntnis, dass der nächste Bus nach Peguera, wo ich meine Familie als nun Papa-Zombie (sowohl optisch, wie auch olfaktorisch) der aus dem Morgengrauen kam heimsuchen will, erst in einer Stunde geht und ich da echt keinen Bock mehr drauf hab, zumal meine Lieben dann sicher schon unterwegs sind. Also ab ins Taxi und auf zur Endspurtetappe. Der Taxifahrer setzt mich ums Eck ab, dass ich nicht noch kurz vor knapp unerwartet ertappt werde. Der nette Gärtner meines Vertrauens (alle Touristen müssen ja irgendwie vertrauenserweckend sein, oder so), lässt mich dann auch durch die noch abgesperrte Tür der Anlage herein und wundert sich nur ein bisschen insgeheim, wer da so vereinzelt und morgens in die Anlage will. Vor dem Bungalow in Peguera dann nochmal die Gewissheit, dass sie mich schon sehr sehr lieben und überrascht sein müssen, in dem Zustand, wie ich dann nun daherkomme. Hab aber doch ein breites Grinsen im Gesicht als ich die Klingel vom Apartment betätige und erinnere mich nochmals kurz, wo ich noch vor 46 Stunden los und wo ich nun angekommen bin auf meiner ganz privaten Klima-Reise-Challenge. Der Weg ist das Ziel und dieser Weg hatte es echt in sich und ist mit keinem langweiligen Flug dieser Welt zu vergleichen. Und dann geht die Tür des Apartments auf…

 

Mallorca_Landweg-Reisebericht

 

 

6 Tage später…

Sa. 3.11.2018

Ja ich geb’s ohne Umschweife zu: Die Rückreise eine Woche später von Mallorca nach Hause war nicht halb so spannend, wie der Hinweg (und auch in keiner Weise zeitlich kürzer oder bequemer…). Aber: So ein Jahr später: ich würd’s jeder Zeit wieder genau so tun – und das ist ein geiles Gefühl. 😉

 

Mallorca_Landweg_Reisebericht

 

PS: Fürs Gewissen und als Ablasshandel habe ich die CO2 Emissionen von 87.5 kg CO2eq meiner Reise hinterher kompensiert. Das entspricht 2,02 Euro.

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